spike alias bohrer

... Fortsetzung


Das erste Mal sahen wir Spike, als er 9 Wochen alt war, in unserer Welpenspielgruppe: ein süßes Dobermannbaby, fröhlich und verspielt. Dann war erstmal Funkstille bis er ca. 6 Monate alt war. Der Besitzer rief uns an, dass Spike erstens an einem Zerstörungswahn leide und zweitens er dem Vermieter mit seinem Gebelle tagsüber in den Wahnsinn treibe (Die Vermieter wohnten einen Stock höher und hatten ein Flaschenkind.).

Wir konnten schnelle Hilfe leisten und die Tagespension für Hunde war geboren. Fortan wurde Spike jeden Morgen von seinem Besitzer gebracht und am Abend müde und glücklich abgeholt. Nach ein paar Tagen bat uns der Besitzer, Spike nicht so viel zu füttern, weil er regelmäßig in sein sorgfältig getuntes Auto kotze. Wir hielten uns daran. Was wir nicht wussten, Spike saß auch abends/nachts, wenn Herrchen in der Kneipe oder Disco war, im Auto und auch da war kotzen unerwünscht und dann war es ja auch bald wieder früh und er musste wieder nach Binzwangen in die Pension gebracht werden.

So ging es viele Wochen, Spike wurde immer dünner, in der Beziehung der beiden Besitzer kriselte es, die Trennung kam, die Wohnung gekündigt. Spike war mal da und mal dort, dann wieder bei uns. Inzwischen war er mitten in der Pubertät. Ängstlich und unsicher hatte er sich angelernt, seine Probleme mit Aggression zu lösen. Er wusste, wie ein fast einjähriger Dobermann mit gefletschten Zähnen auf andere wirkte. Er hätte nie ernsthaft zugebissen. Dazu hatte er viel zuviel Angst, sein Notanker war letztendlich die Flucht.

Spike's Herrchen, völlig überfordert mit seiner gesamten Lebenssituation, war froh, als wir ihm anboten, Spike zu übernehmen. Da hatten wir auf einmal einen verhaltensgestörten, bis auf die Knochen abgemagerten Dobermann. Tja, wohin mit ihm ???

Sämtliche Vermittlungsversuche schlugen fehl. Also beschlossen wir Spike zu behalten. Spike war immer fröhlich und lebenslustig, aber er wollte einfach nicht zunehmen. Alle Fütterungsversuche schlugen fehl, egal was und wieviel man ihm gab, er blieb ein Knochengerüst. Die Tierärzte wussten auch schon keinen Rat mehr. Sollte man ihn operieren? Litt er an einer seltenen Krankheit? Das Thema einschläfern wurde aktuell.

Frau Dr. Winkle blieb hartnäckig. Ein letzter Versuch war eine komplette Ernährungsumstellung. Sie und auch Dr. Steinbauer aus der Tierklinik in Reichenberg kamen zu dem Entschluss, dass dieser Zustand von Spike auf die von Anfang an schlechte Ernährung zurückzuführen sei. Er bekam fortan 500 gr. gekochte Nudeln mit normalem Futter verteilt auf dreimal täglich. Ab da nahm er Kilo für Kilo zu. Insgesamt 8. Endlich sah er aus wie ein normal schlanker Hund.

In dieser Zeit kam er auch zu seinem neuen Namen, unter dem ihn eigentlich jeder kennt, Bohrer.

Vom ewigen Hunger getrieben, hatte er sich angelernt, sämtliche Leckerchen, die Kunden in ihren Taschen mit sich rumtrugen, teilweise unbemerkt, zu stehlen. Er "bohrte" bald in allen Taschen, die er fand, seine Nase, um Fressbares zu bekommen. Manchmal aß er gleich die Jackentasche mit und man hatte ein Loch wo man keines brauchen konnte.

Froh ihn endlich vor dem Tod gerettet zu haben, blieb ja noch sein grässliches Benehmen gegenüber fremden Personen und Dingen, "die da gerade eben noch nicht waren". Frauchen trainierte hart und lang mit dem missratenen Bohrer Gehorsam sowie auch Training in der Stadt, das nicht gerade einfach war. Mit einer "Bestie" an der Leine ist man nicht sehr willkommen und man muss sich einige böse Kommentare von den Passanten anhören. Irgendwann schaut man nur noch an den Leuten vorbei, vermeidet jeden Blickkontakt. Augen zu und durch.

Aber all das hat sich gelohnt. Am 19.03.2003 hat Bohri seine Begleithundeprüfung in der Hundeschule sehr erfolgreich abgelegt und am 14.06.2003 den BHV-Hundeführerschein Stufe 2 bestanden.

Er ist zu einem der liebsten Dobermänner geworden, die wir je kennen gelernt hatten. Er hatte sich so gewandelt und hat uns ab da nur noch Freude bereitet.

Ab 2004 übten sich Bohrer und Frauchen in Agility. Regelmäßig besuchten sie mit Herrchen und Ronja das Training in Ellwangen bei Sabine Westhäuser. Bohrer hatte sehr viel Spaß an diesem "Turnunterricht".

Im Juni 2008 hat Bohri leicht angefangen zu hinken, das Kreuzband war abgerissen. Uns stellte sich die Frage, wo und wann lässt man ihn operieren. Wir suchten die Tierklinik Am Sandpfad in Wiesloch auf. Ihre Methode die Tibiaplateaulevelingosteotemie (man muss das nicht aussprechen können ;-) kurz TPLO schien uns für den großen Hund am sinnvollsten.

Am 30.09.2008 wurde Bohri dort in Narkose gelegt und in den OP gebracht. "Kommen Sie in 1,5 Stunden wieder, dann ist er fertig." sagte man uns. Wir gingen mit Ronja und Senta spazieren. Nach nur 30 Minuten rief uns die Klinik an, wir sollten gleich kommen, der Arzt hätte etwas zu besprechen mit uns. Mit weichen Knien und nichts Gutes ahnend, betraten wir die Klinik, wo Dr. Borggräfe uns mitteilte, dass er im Knie einen Tumor gefunden hätte, das Knie wäre gesäubert und "das Gebilde" in die Pathologie geschickt. "Das sieht eher nicht gut aus, schade, er ist so ein lieber", waren seine Worte. Ein Schock ......... damit hatten wir nicht gerechnet.

Mit Dr. Steinbauer haben wir beraten, was nun zu tun sei: ab mit dem bösen Fuß und Chemotherapie? Oder ihn einfach so lassen und ihn noch ein paar schöne Wochen ermöglichen? Wir entschieden uns, den Fuß abmachen zu lassen. Sportlich und mit seinen 1a Zuchthüften hatte er gute Chancen, damit zurecht zu kommen. Wir hatten den Entschluss gerade gefasst, als überall an seinem Körper erbsengroße Tumore zu wachsen begannen. Dr. Steinbauer rümpfte die Nase "das ist nicht gut". Trotzdem wurde wieder eine Probe in die Pathologie geschickt. Diesmal hatten wir keine Wahl, es war ein extrem bösartiger Krebs. Warten bis es ihm schlecht geht und dann erlösen. Eine schlimme Zeit, ein ständiges Abschied nehmen, Tag für Tag.

Herr Dr. Steinbauer, Frau Dr. Winkle und die Tierarztpraxis Dr. Kern hatten uns sehr unterstützt, um ihm auf homöopathische Weise zu helfen. Auch unsere Apotheke gab uns nützliche Tipps.

Am 10.11.2008 war es soweit. Bohri wollte nichts mehr essen und auch seine bis zum Schluss geliebten Spaziergänge machten ihm keine richtige Freude mehr. Außerdem hatte er schon von seinen 8 Kilo 3 wieder abgenommen und seine Schleimhäute färbten sich gelb. Frau Dr. Winkle kam zu uns nach Hause und erlöste ihn.

Schade, ein guter Freund hat uns viel zu früh verlassen …


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